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Was ist Anpassungsfähigkeit? (Emotionale Intelligenz)

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Anpassungsfähigkeit ist die dritte Kompetenz des Selbstmanagements in Golemans Modell der emotionalen Intelligenz. Sie beschreibt die Fähigkeit, flexibel mit Veränderungen umzugehen, mehrere Anforderungen gleichzeitig zu jonglieren und sich an neue Situationen mit frischen Ideen anzupassen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Anpassungsfähigkeit?

Goleman und Cherniss (2024) definieren die Kompetenz so:

„In terms of emotional competence, adaptability means ‘having flexibility in handling changes, being able to juggle multiple demands, and adapting to new situations with fresh ideas or innovative approaches.’”

Anpassungsfähige Führungskräfte und Mitarbeitende werden durch plötzliche Veränderungen nicht gestoppt und bleiben mit der Unsicherheit, die Führung und komplexe Situationen mit sich bringen, handlungsfähig (Goleman und Cherniss, 2024).

Was diese Kompetenz von bloßem Durchhalten unterscheidet: Anpassungsfähigkeit bedeutet nicht, Veränderungen einfach zu ertragen. Es bedeutet, sie als Chance zu sehen und proaktiv mit ihnen zu arbeiten. Das erfordert ein Mindset, das Veränderung als normale Bedingung akzeptiert, nicht als Ausnahme, die möglichst schnell beendet werden soll.

Rigidität und Agilität: Die zwei Pole

Susan David (2016) beschreibt den Gegensatz, der der Anpassungsfähigkeit zugrunde liegt: Rigidität versus Agilität. Menschen mit starren emotionalen Mustern, die David als „Hooks” bezeichnet, werden von eingelernten Reaktionen gesteuert. Sie wiederholen Verhaltensweisen, die in früheren Kontexten funktioniert haben, auch wenn diese im aktuellen Moment nicht passen.

Emotional agile Menschen dagegen sind dynamisch. Sie zeigen Flexibilität im Umgang mit der sich schnell verändernden, komplexen Welt (David, 2016). Das bedeutet konkret:

  • Sie reagieren auf die Situation, wie sie jetzt ist, nicht auf die Situation, die sie zu kennen glauben
  • Sie erkennen, wenn alte Handlungsmuster nicht mehr greifen
  • Sie bleiben handlungsfähig, auch wenn keine klare Lösung in Sicht ist

David (2016) nennt das Ziel explizit: nicht Kontrolle über Gedanken oder erzwungenes positives Denken, sondern echte Flexibilität im Umgang mit dem, was ist.

Der Raum zwischen Reiz und Reaktion

Susan David (2016) zitiert Viktor Frankl mit einem Satz, der den Kern emotionaler Agilität beschreibt:

„Between stimulus and response there is a space. In that space is our power to choose our response. In our response lies our growth and our freedom.”

Anpassungsfähigkeit beginnt genau in diesem Raum. Wer auf einen Reiz unmittelbar und automatisch reagiert, hat keine Wahl. Wer den Raum zwischen Reiz und Reaktion wahrnimmt, gewinnt Handlungsfreiheit.

In der Sprache der emotionalen Intelligenz ist das der Moment, in dem Selbstwahrnehmung und Selbstmanagement ineinandergreifen. Die Wahrnehmung öffnet den Raum. Anpassungsfähigkeit ist die Fähigkeit, diesen Raum zu nutzen, statt ihn durch automatische Reaktionen zu schließen.

Emotional Agility: Susan Davids Entsprechung

Goleman und Cherniss (2024) ordnen Susan Davids Konzept der „Emotional Agility” direkt der EI-Kompetenz Anpassungsfähigkeit zu. David (2016) definiert sie so:

„Emotional agility is a process that allows you to be in the moment, changing or maintaining your behaviours so that you can live in ways that align with your intentions and values.”

Der entscheidende Punkt in dieser Definition: Emotional agile Menschen handeln nicht aus Automatismus, sondern aus Werten und Absicht. Das unterscheidet Anpassungsfähigkeit von bloßer Reaktivität. Wer sich nur anpasst, weil die Umgebung Druck ausübt, verliert sich selbst. Wer sich aus klaren Werten heraus anpasst, bleibt in beiden Extremen, Rigidität und Beliebigkeit, standhaft.

David (2016) beschreibt den vollständigen Prozess der emotionalen Agilität so:

„Emotional agility means being aware and accepting of all your emotions, even learning from the most difficult ones. It also means getting beyond conditioned or pre-programmed cognitive and emotional responses (your hooks), to live in the moment with a clear reading of present circumstances, respond appropriately and then act in alignment with your deepest values.”

Kognitive Flexibilität: Überzeugungen loslassen

Anpassungsfähigkeit hat eine kognitive Dimension, die über emotionale Regulierung hinausgeht: die Bereitschaft, veraltete Überzeugungen aufzugeben.

Adam Grant (2021) beschreibt einen Mechanismus, den Psychologen „seizing and freezing” nennen: Sobald wir eine Meinung gebildet haben, bevorzugen wir den Komfort der Überzeugung über die Unbequemlichkeit des Zweifels. Wir halten an vertrauten Deutungsmustern fest wie an physischen Besitztümern, selbst wenn die Welt sich längst weitergedreht hat.

„Our ways of thinking become habits that can weigh us down, and we don’t bother to question them until it’s too late.” (Grant, 2021)

Was anpassungsfähige Menschen unterscheidet: Sie verankern ihre Identität nicht in ihren Überzeugungen, sondern in ihren Werten. Daniel Kahneman beschreibt das so: „My attachment to my ideas is provisional. There’s no unconditional love for them.” (zitiert nach Grant, 2021). Wer so denkt, kann eine Meinung ändern, ohne das Gefühl zu haben, sich selbst zu verlieren.

Grant (2021) nennt das den Scientist-Modus: Überzeugungen als Hypothesen behandeln, offen für neue Evidenz bleiben und Ansichten aktualisieren, wenn die Datenlage es erfordert. Das ist kein Beruf, sondern eine Denkweise. Ihr gegenüber stehen drei Alternativen, die Grant als Preacher-, Prosecutor- und Politician-Modus beschreibt: Überzeugungen predigen, Gegenargumente angreifen oder Unterstützung für die eigene Position suchen. Keiner dieser Modi führt zu echter Anpassung.

„This book is an invitation to let go of knowledge and opinions that are no longer serving you well, and to anchor your sense of self in flexibility rather than consistency.” (Grant, 2021)

Für den EI-Kontext ist die Verbindung direkt: Susan Davids „Hooks” auf der emotionalen Ebene und das „seizing and freezing” auf der kognitiven Ebene beschreiben dasselbe Grundproblem. Anpassungsfähigkeit erfordert beides: die emotionale Fähigkeit, Reaktionen bewusst zu steuern, und die kognitive Bereitschaft, Überzeugungen loszulassen, die nicht mehr tragen.

Anpassungsfähigkeit im modernen Sprachgebrauch

Wie Growth Mindset (für Positiven Ausblick) und Grit (für Leistungsorientierung) ist auch der Begriff „Agility” eine populäre Entsprechung einer EI-Kompetenz:

„Each of the EI self-management competencies has entered the popular lexicon under new names: ‘growth mindset’ for positivity; ‘grit’ for achievement; and ‘agility’ for adaptability.” (Goleman und Cherniss, 2024)

Agilität wird im Managementdiskurs meist als Eigenschaft von Teams und Organisationen beschrieben. Was Golemans Einordnung zeigt: Agilität als kollektive Eigenschaft beginnt auf der Ebene individueller emotionaler Kompetenz. Ein Team kann nicht agil sein, wenn seine Mitglieder Veränderungen als persönliche Bedrohung erleben und sich gegen sie sperren.

Anpassungsfähigkeit in der Praxis

Goleman und Cherniss (2024) schildern das Beispiel von Laxman, einem Technologiedirektor, der durch ein Anpassungsfähigkeitsprogramm erkannte, dass er zu eng über seine Optionen nachdachte. Er begann zu bemerken, welche inneren Geschichten ihn vor neuen Möglichkeiten furchtsam machten, und lernte, diese Geschichten zu hinterfragen, statt ihnen zu folgen.

Das zeigt den praktischen Kern der Kompetenz: Anpassungsfähigkeit wird nicht durch externe Veränderungen trainiert, sondern durch die Arbeit an den inneren Narrativen, die bestimmen, wie man Veränderungen wahrnimmt.

Konkrete Anzeichen hoher Anpassungsfähigkeit (Goleman und Cherniss, 2024; David, 2016):

  • Neue Herausforderungen werden als erregend statt bedrohlich erlebt
  • Gleichzeitige, widersprüchliche Anforderungen werden ausgehalten
  • Entscheidungen fallen auch ohne vollständige Information
  • Rückschläge werden als Information genutzt, nicht als Urteil
  • Eigene emotionale Reaktionen auf Veränderungen werden wahrgenommen und benannt

FAQ

Ist Anpassungsfähigkeit dasselbe wie Belastbarkeit?

Nein. Belastbarkeit (Resilienz) beschreibt die Fähigkeit, nach Stress zurückzuprallen. Anpassungsfähigkeit beschreibt die Fähigkeit, in Veränderungen und Unsicherheit proaktiv zu handeln. Beide sind verwandt und bauen aufeinander auf, sind aber eigenständige Kompetenzen. Anpassungsfähigkeit ist eine der vier Kompetenzen des Selbstmanagements im Goleman-Modell.

Können Menschen lernen, anpassungsfähiger zu werden?

Ja. Goleman und Cherniss (2024) beschreiben Anpassungsfähigkeit als trainierbare EI-Kompetenz. Der Ausgangspunkt ist oft die Arbeit an inneren Überzeugungen über Veränderung: Wer Veränderung grundsätzlich als Bedrohung codiert, reagiert starr. Wer lernt, den Raum zwischen Reiz und Reaktion zu nutzen (David, 2016), gewinnt Flexibilität. Reflexionsübungen, Achtsamkeitstraining und Feedback helfen bei der Entwicklung.

Was hat Emotional Agility mit EI zu tun?

Susan Davids „Emotional Agility” (2016) entspricht laut Goleman und Cherniss (2024) der EI-Kompetenz Anpassungsfähigkeit. Beide Konzepte beschreiben die Fähigkeit, auf Basis von Werten und Absichten zu handeln statt aus automatischen emotionalen Reaktionen. David liefert mit dem „Raum zwischen Reiz und Reaktion” (nach Viktor Frankl) ein präzises Modell des zugrundeliegenden Mechanismus.

Warum versagt Anpassungsfähigkeit gerade bei großen Veränderungen?

Weil starke Veränderungen stärkere emotionale Reaktionen auslösen, die automatische Schutzmechanismen aktivieren. Der präfrontale Kortex, zuständig für flexible Planung, wird unter Stress eingeschränkt. Menschen fallen dann auf eingelebte Muster zurück. Je besser die emotionale Selbstwahrnehmung und Selbstkontrolle trainiert sind, desto eher bleibt auch unter Druck Spielraum für angepasste Reaktionen.

Quellen

  • David, S. (2016). Emotional Agility: Get Unstuck, Embrace Change, and Thrive in Work and Life. Penguin Life.
  • Goleman, D., & Cherniss, C. (2024). Optimal: How to Sustain Personal and Organizational Excellence Every Day. Harvard Business Review Press.
  • Grant, A. (2021). Think Again: The Power of Knowing What You Don’t Know. Viking, Penguin Random House.