← Alle Artikel

Der optimale Zustand nach Goleman: Was er ist, wie er sich vom Flow unterscheidet und wie du ihn erreichst

✓ Aktualisiert und geprüft:
  • Emotionale Intelligenz
  • Selbstmanagement

Inhaltsverzeichnis

Was ist der optimale Zustand?

Daniel Goleman und Cary Cherniss beschreiben in ihrem Buch Optimal (2024) einen Zustand, der realistischer und alltäglicher erreichbar ist als der vielgepriesene Flow-Zustand: den optimalen Zustand (optimal state).

Der optimale Zustand bedeutet, sich zufrieden zu fühlen, einen produktiven Tag gehabt zu haben, gemessen an den eigenen Maßstäben. Goleman und Cherniss beschreiben ihn als:

„Feeling satisfied that you’ve had a good day, productive by whatever standard works for you.”

Das Modell der beiden Autoren lässt sich mit der Kindererziehung vergleichen: Man muss keine perfekte Mutter oder kein perfekter Vater sein, aber man kann den besten Job machen, den man kann. Genauso muss man nicht ständig im Flow sein. Es reicht, regelmäßig im eigenen optimalen Zustand zu agieren.

Emotionale Intelligenz spielt dabei die Schlüsselrolle: Wer die eigenen Emotionen kennt und managen kann, schafft die innere Voraussetzung für diesen Zustand.

Optimaler Zustand vs. Flow: Was ist der Unterschied?

Flow, das vollständige Aufgehen in einer Tätigkeit, wurde von Mihaly Csikszentmihalyi geprägt (Csikszentmihalyi, 1990) und von Goleman und Cherniss in ihrer Forschung aufgegriffen. Csikszentmihalyi definiert Flow als:

„the state in which people are so involved in an activity that nothing else seems to matter; the experience itself is so enjoyable that people will do it even at great cost, for the sheer sake of doing it.” (Csikszentmihalyi, 1990)

Der entscheidende Unterschied liegt in der Erreichbarkeit und Alltagstauglichkeit.

Die Merkmale des Flow-Zustands

Die ursprüngliche Flow-Forschung der Universität Chicago identifizierte diese Elemente (Csikszentmihalyi, 1990):

  • Gleichgewicht zwischen Herausforderung und eigenen Fähigkeiten
  • Abwesenheit von Selbstbewusstsein und Selbstzweifel
  • Zeit verschwindet oder verändert sich in der Wahrnehmung
  • fühlt sich großartig und mühelos an

Flow ist eine seltene, nicht zuverlässig herbeiführbare Peak-Erfahrung:

„The relentless pursuit of flow points us toward extremes, while doing our best offers a more realistic goal.” (Goleman & Cherniss, 2024)

Die subjektiven Merkmale des optimalen Zustands

Im optimalen Zustand, an einem wirklich guten Tag, zeigen sich laut Goleman und Cherniss folgende Eigenschaften:

  • Wir sind kreativer und sehen Hindernisse als Herausforderungen
  • Wir sind produktiver und liefern qualitativ hochwertige Arbeit
  • Wir fühlen uns gut und haben positive Laune
  • Wir sind mental fit und erleben kleine Erfolge auf dem Weg zu größeren Zielen
  • Wir haben eine positive Einstellung und sind engagiert
  • Wir geben und erhalten Unterstützung in unseren Beziehungen

Der entscheidende Unterschied zu Flow: Diese Zustände sind regelmäßig erreichbar, nicht nur in seltenen Ausnahmemomenten.

Konzentration: Das Ticket zum optimalen Zustand

Goleman und Cherniss sehen volle Konzentration als den zentralen Zugangspunkt zum optimalen Zustand, nicht als Nebenprodukt, sondern als aktive Voraussetzung.

Neurowissenschaftlich zeigt sich dieser Zustand als neural harmony: Aufgabenrelevante Hirnschaltkreise aktivieren sich stärker, während aufgabenfremde Schaltkreise ruhig bleiben:

„Neural circuits demanded by the task at hand activate more fully, while those irrelevant to the task remain relatively quiet.” (Goleman & Cherniss, 2024)

Warum Multitasking schadet

Multitasking ist laut Goleman ein Mythos. Was wir als paralleles Arbeiten erleben, ist tatsächlich ein schnelles Wechseln zwischen Aufgaben. Jeder Wechsel unterbricht das neuronale Muster der Konzentration. Auch Doomscrolling und ständige Benachrichtigungen führen zu Frazzle, dem Gegenteil des optimalen Zustands.

In seinem Buch Focus (2013) beschreibt Goleman Aufmerksamkeit als Ressource, die wie ein Muskel trainiert werden kann:

„Having control of our attention is for the mind what cardiovascular fitness is for the body; just as a fit heart enhances any physical task, full focus enhances whatever we do.” (Goleman, 2013)

Herbert Simon formulierte den Zusammenhang bereits 1977 präzise:

„A wealth of information creates a poverty of attention.”

Aufmerksamkeit ist trainierbar

Amishi Jha von der University of Miami lehrte Footballspielern Atemfokus-Aufmerksamkeitstraining während einer stressigen Vorsaison. Ergebnis: Athleten, die mehr Zeit in Aufmerksamkeitstraining investierten, schnitten am Ende der Stressphase signifikant besser bei Aufmerksamkeits- und Stimmungsmaßen ab.

Wenn wir regelmäßig üben, unsere Aufmerksamkeit zu lenken und Ablenkungen loszulassen, stärken wir laut Goleman die neuronalen Schaltkreise für Konzentration:

„The more we repeat a sequence like this, the stronger the neural circuitry for that sequence becomes.” (Goleman, 2013)

Die drei Dimensionen der Aufmerksamkeit

Goleman unterscheidet in Focus drei Aufmerksamkeitsarten, die ausbalanciert werden sollten:

  • Innerer Fokus: Zugang zu Intuition, Werten und eigenen Gefühlen
  • Anderer Fokus: Wahrnehmung anderer Menschen, Empathie
  • Äußerer Fokus: Verständnis größerer Systeme und Zusammenhänge

Volle Konzentration bedeutet nicht, sich dauerhaft nach außen zu fokussieren, sondern situativ bewusst zu wählen, wohin die Aufmerksamkeit geht.

Vorteile des optimalen Zustands

Leistungsvorteile (Belegt durch Studien)

Eine McKinsey-Umfrage mit über 5.000 Managern und Executives zeigt: Im optimalen Zustand ist die Produktivität bis zu 5x höher als im neutralen oder negativen Zustand, und das gilt über alle Berufsfelder und Hierarchieebenen hinweg.

Die Harvard Business School erhob in einer weiteren Studie fast 12.000 Berichte von mehreren hundert Personen über Arbeitstag-Ereignisse, Gefühle und Leistungen. Das Ergebnis: An guten Tagen fühlten sich Menschen positiver über ihre Arbeit und ihr Unternehmen und waren deutlich stärker engagiert.

Konkrete Vorteile im Beruf

Goleman und Cherniss listen folgende Vorteile für Menschen, die regelmäßig den optimalen Zustand erreichen:

  • Produktiver, engagierter und leistungsfähiger, in jedem Beruf und auf jeder Ebene
  • Kommen in ihrer Karriere schneller voran
  • Sind im Verkauf effektiver, generieren mehr Einnahmen
  • Sind auch in MINT-Berufen wie Ingenieurwesen und IT erfolgreicher (EI ist messbar relevanter als IQ, sobald die fachliche Grundqualifikation erfüllt ist)
  • Werden als vertrauenswürdiger wahrgenommen
  • Sind mit ihrer Arbeit zufriedener und weniger geneigt, den Job zu wechseln
  • Helfen anderen häufiger, wenn Hilfe gebraucht wird
  • Haben eine bessere körperliche Gesundheit

Die Rolle der Emotionalen Intelligenz

Diese Vorteile entstehen nicht zufällig. EI-Kompetenzen wie emotionale Selbstwahrnehmung, Selbstmanagement und Empathie ermöglichen es, störende Emotionen zu regulieren, fokussiert zu bleiben und produktive Beziehungen zu pflegen. All das sind Voraussetzungen für den optimalen Zustand.

Wie du den optimalen Zustand erreichst

Der optimale Zustand lässt sich nicht erzwingen, aber du kannst die Bedingungen schaffen, unter denen er wahrscheinlicher wird:

  1. Ungeteilte Aufmerksamkeit priorisieren: Schalte Benachrichtigungen ab und widme einer Aufgabe vollständige Konzentration. Die Pomodoro-Technik (25 Min. fokussiertes Arbeiten, 5 Min. Pause) ist eine bewährte Methode.
  2. Tägliches Aufmerksamkeitstraining: 5–10 Minuten Atemfokus-Übungen täglich stärken die neuronalen Schaltkreise für Konzentration: Aufmerksamkeit auf Inhalation und Exhalation richten, bei Abschweifen sanft zurücklenken.
  3. EI-Kompetenzen entwickeln: Insbesondere emotionale Selbstwahrnehmung: Wer seinen inneren Zustand kennt, kann störende Emotionen regulieren, bevor sie die Konzentration unterbrechen.
  4. Small Wins einplanen: Kleine Erfolge auf dem Weg zu größeren Zielen erzeugen positive Stimmung, die wiederum den optimalen Zustand begünstigt.
  5. Sinnhaftigkeit und Kontrollgefühl stärken: Studien zeigen: Volle Konzentration tritt leichter auf, wenn die Aufgabe als bedeutsam erlebt wird und eigener Handlungsspielraum besteht.

FAQ

Was ist der Unterschied zwischen dem optimalen Zustand und Flow?

Flow ist ein seltenes, schwer reproduzierbares Peak-Erlebnis mit spezifischen Merkmalen wie Zeitverzerrung und vollständigem Kontrollverlust. Der optimale Zustand nach Goleman und Cherniss ist alltäglicher: das Gefühl, einen produktiven, guten Tag gehabt zu haben. Flow kann als Nebenprodukt des optimalen Zustands auftreten, ist aber keine Voraussetzung.

Wie oft kann man den optimalen Zustand erleben?

Eine McKinsey-Umfrage mit über 5.000 Managern zeigt: Manche berichten, 50% ihrer Arbeitszeit im optimalen Zustand zu sein, andere nur 10%. Im optimalen Zustand ist die Produktivität bis zu 5x höher als im neutralen Zustand. Mit gezieltem Aufmerksamkeitstraining und EI-Entwicklung lässt sich dieser Anteil systematisch steigern.

Kann Multitasking den optimalen Zustand verhindern?

Ja. Multitasking ist neurowissenschaftlich kein echtes Parallel-Arbeiten, sondern schnelles Aufgabenwechseln. Es zerstört die neural harmony, die den optimalen Zustand ermöglicht. Auch ständige Benachrichtigungen und Doomscrolling gelten als Frazzle-Auslöser, das Gegenteil des optimalen Zustands.

Was hat Emotionale Intelligenz mit dem optimalen Zustand zu tun?

EI ist nach Goleman und Cherniss der kritische Schlüssel zum optimalen Zustand. Emotionale Selbstwahrnehmung erlaubt dir, innere Störungen frühzeitig zu erkennen; Selbstmanagement ermöglicht es, sie zu regulieren. Wer emotional ausgeglichen ist, kann volle Konzentration aufrechterhalten und bleibt auch unter Druck im optimalen Bereich.

Quellen

  • Csikszentmihalyi, M. (1990). Flow: The Psychology of Optimal Experience. Harper & Row.
  • Goleman, D. & Cherniss, C. (2024). Optimal: How to Sustain Personal and Organizational Excellence Every Day. HarperCollins Publishers.
  • Goleman, D. (2013). Focus: The Hidden Driver of Excellence. HarperCollins Publishers.
  • Simon, H. A. (1977). The New Science of Management Decision (rev. ed.). Prentice Hall. (Zitat: “A wealth of information creates a poverty of attention.”)