← Alle Artikel

Besserwisser erkennen und damit umgehen

✓ Aktualisiert und geprüft:
  • Beziehungsmanagement

Der/Die Besserwisser:in ist einer der acht Urtypen schwieriger Personen im Beruf, die Gallo in Getting Along (2022) beschreibt. Dieser Artikel zeigt, woran das Muster zu erkennen ist, welche Psychologie dahintersteckt und welche Formulierungen helfen, mit emotionaler Intelligenz darauf zu reagieren.

8 Urtypen schwieriger Personen im Beruf
Kann keine Entscheidungen treffen oder trifft sie immer wieder anders
Prophezeit Misserfolg, bevor begonnen wird: „Das wird sowieso scheitern"
Schiebt Verantwortung auf andere und erwartet Mitleid statt Lösungen
Sagt ja, handelt nein und leugnet beides, wenn man nachfragt
5 · Der/Die Besserwisser:in
Hört nicht zu, erklärt alles besser und stellt selten eigene Fragen
Stellt unmögliche Anforderungen und setzt die Leistungen anderer herab
Bewertet Menschen nach Stereotypen, oft ohne es selbst zu merken
Baut Netzwerke und sammelt Informationen für eigene Ziele statt Teamziele
Gallo, A. (2022). Getting Along. Harvard Business Review Press. emotionalerfolgreich.de

Inhaltsverzeichnis

Den/Die Besserwisser:in erkennen

Typische Erkennungsmerkmale nach Gallo (2022). Der/Die Besserwisser:in:

  • zeigt eine „Entweder so oder gar nicht”-Einstellung
  • monopolisiert Gespräche, weigert sich, unterbrochen zu werden, und redet über andere hinweg
  • stellt die eigenen Ideen als überlegen dar
  • hört nicht auf Kritik oder Feedback
  • spricht in einem herablassenden Ton
  • erklärt Dinge, die andere bereits verstanden haben
  • stellt nur selten Fragen und zeigt wenig Neugier
  • beansprucht die Anerkennung für Gruppenerfolge oder teilt sie nicht
  • springt unaufgefordert in Gespräche ein

Wichtig für die Abgrenzung: Nicht jede Person mit viel Fachwissen ist ein:e Besserwisser:in. Wer Wissen auf Augenhöhe teilt, Fragen stellt und andere Meinungen ernst nimmt, zeigt Expertise, kein Problemverhalten.

Was hinter dem Verhalten steckt

Selbstüberschätzung: Menschen bewerten sich systematisch besser, als sie sind. Gallo (2022) verweist auf den Overconfidence-Bias: 74 Prozent der Autofahrer:innen halten sich für überdurchschnittlich gut. Selbstüberschätzung ist zudem ansteckend: Tritt sie bei einer einflussreichen Person im Team auf, steigt sie auch bei den anderen.

Macht: Wer sich mächtig fühlt, bewertet die eigenen Ideen höher als fundierten Rat, dominiert Diskussionen und unterbricht häufiger (Gallo, 2022).

Verdeckte Unsicherheit: Besonders bei Neueinsteiger:innen und frischen Führungskräften ist Besserwisserei oft ein Versuch, gefühlte Inkompetenz zu überspielen.

Belohnende Kultur: In manchen Unternehmen bekommt die überzeugteste Stimme die meiste Unterstützung, während Unsicherheit als Schwäche gilt. Solche Kulturen züchten das Verhalten, statt es zu bremsen.

Mansplaining: Die geschlechtsspezifische Spielart: Ein Mann erklärt herablassend, meist einer Frau, etwas, wovon er selbst nur unvollständiges Wissen hat. Die Datenlage dahinter ist deutlich: Männer sprechen in Meetings mehr und unterbrechen häufiger; eine Analyse von 15 Jahren Verhandlungsprotokollen des US Supreme Court zeigte, dass männliche Richter ihre Kolleginnen rund dreimal so oft unterbrachen wie einander (Gallo, 2022).

Mit einem/einer Besserwisser:in umgehen

Die folgenden Formulierungshilfen stammen aus Gallo (2022) und lassen sich an die eigene Situation anpassen, sodass sie sich authentisch anfühlen.

Unterbrechungen vorbeugen und darauf reagieren

  • „Bitte warte mit Kommentaren oder Fragen, bis ich fertig bin.”
  • „Unterbrechungen stören meine Konzentration. Ich wäre dir dankbar, wenn du mich meinen Gedanken zu Ende führen lässt.”
  • „Ich bringe meinen Punkt zu Ende, danach höre ich gerne, was du zu sagen hast.”
  • „Ich spreche gerade.”

Auf Mansplaining direkt reagieren

  • „Danke, das habe ich bereits verstanden.”
  • „Dein Kommentar lässt mich fragen, ob du mit meinem Hintergrund in [Thema] vertraut bist.”
  • „Ich würde es schätzen, wenn du darauf vertraust, dass ich weiß, was ich tue. Wenn ich Rat brauche, frage ich dich gerne.”

Für andere Raum schaffen

  • „Bevor wir weitergehen, würde ich gerne den Rest von [Name]s Standpunkt hören.”
  • „[Name], warst du fertig? Falls nicht, sprich bitte zu Ende.”
  • „Ich weiß, dass [Name] viel Erfahrung auf diesem Gebiet hat. Mich interessiert diese Einschätzung.”
  • „Es ist dein Projekt, [Name]. Wie siehst du es?”

Noch wirksamer wird das im Team: Verbündete können vereinbaren, einander zu unterstützen, wenn jemand das Wort an sich reißt. Gallo (2022) empfiehlt außerdem die Meeting-Norm „take space, make space”: Wer viel redet, schafft aktiv Raum; wer wenig redet, wird eingeladen zu sprechen.

Nach Daten und Fakten fragen

  • „Erzähl mir, woher deine Informationen kommen.”
  • „Ich würde gerne besser verstehen, wie du zu dieser Schlussfolgerung gekommen bist.”

Wer damit rechnen muss, nach Belegen gefragt zu werden, überlegt zweimal, bevor er unbelegte Behauptungen aufstellt (Gallo, 2022). Die eigene Vorbereitung mit belegten Fakten verschiebt die Diskussion zusätzlich von Selbstdarstellung zu Sachlichkeit.

Bescheidenheit vorleben

  • „Ich sage dir, was ich weiß und was ich nicht weiß.”
  • „Wir lernen alle noch dazu, was es über dieses Thema herauszufinden gibt.”
  • „Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Ich habe aber eine fundierte Meinung, und die lautet: …”

Wer als respektierte Stimme im Team ein ehrliches „Ich weiß es nicht” vorlebt, macht es Besserwisser:innen leichter, diese Haltung zu übernehmen, ohne ihr Gesicht zu verlieren.

Das Gespräch unter vier Augen

Bleibt das Verhalten ein Dauerproblem, hilft ein ruhiges, sachbezogenes Einzelgespräch statt öffentlicher Konfrontation: „Ich schätze dein Fachwissen. Mir fällt auf, dass andere in Besprechungen manchmal kaum zu Wort kommen. Können wir darüber sprechen?” Viele Besserwisser:innen sind sich ihrer Wirkung nicht bewusst; nicht wertendes Feedback erhöht die Chance auf Veränderung (Gallo, 2022).

Was du vermeiden solltest

  • Der Machtkampf: Sich auf einen Wettstreit darüber einlassen, wer Recht hat, verstärkt die Dynamik nur.
  • Die Unterstellung von Absicht: Nicht davon ausgehen, dass die Person weiß, dass sie mansplaint oder herablassend wirkt.
  • Der Vollständigkeitsanspruch: Nicht jede Übertretung muss angesprochen werden. Manches darf man loslassen.
  • Die ungeprüfte eigene Brille: Gallo (2022) empfiehlt die Testfrage, ob dasselbe Verhalten bei einer anderen Person (etwa anderen Geschlechts) genauso als Besserwisserei bewertet würde. Fällt die Antwort anders aus, liegt das Problem womöglich in der eigenen Voreingenommenheit.

Besserwisser:innen und emotionale Intelligenz

Der souveräne Umgang mit diesem Urtyp ist angewandtes Konfliktmanagement und stützt sich auf zwei Kompetenzen: Emotionale Selbstkontrolle verhindert, dass der Impuls zum Rechthaben-Wettstreit genau den Machtkampf auslöst, vor dem Gallo (2022) warnt. Empathie wiederum erkennt, was hinter dem Verhalten steckt: oft echtes Wissen, das Anerkennung sucht, oder verdeckte Unsicherheit. Ehrliche Wertschätzung kann die „Schaut-was-ich-weiß”-Routine deshalb spürbar entspannen. Beide Fähigkeiten, die eigene Reaktion zu regulieren und die Perspektive des Gegenübers einzunehmen, gehören zum Kern emotionaler Intelligenz (Goleman, 2009).

FAQ

Was ist der Unterschied zwischen einem Besserwisser und jemandem, der viel weiß?

Ein Besserwisser monopolisiert Gespräche, lässt andere nicht ausreden und beansprucht Anerkennung für Gruppenleistungen. Jemand mit echtem Fachwissen teilt es auf Augenhöhe, zeigt Neugier für andere Meinungen und fragt aktiv nach.

Wie spreche ich einen Besserwisser direkt an, ohne die Situation zu eskalieren?

Am wirkungsvollsten ist ein ruhiges, sachbezogenes Gespräch unter vier Augen: „Ich schätze dein Fachwissen. Mir fällt auf, dass andere in Besprechungen manchmal kaum zu Wort kommen. Können wir darüber sprechen?” Keine öffentliche Konfrontation.

Kann sich ein Besserwisser im Beruf verändern?

Ja, aber nur wenn er selbst Einsicht entwickelt. Gallo (2022) empfiehlt, echte Fragen zu stellen statt zu konfrontieren, da viele Besserwisser sich ihrer Wirkung nicht bewusst sind. Direktes, nicht wertendes Feedback erhöht die Chance auf Veränderung.

Quellen

  • Gallo, A. (2022). Getting Along: How to Work with Anyone (Even Difficult People). Harvard Business Review Press.
  • Goleman, D. (2009). Emotional Intelligence. Bloomsbury Publishing.